Tilman Rammstedt, Berlin (D)

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und lebt in Berlin. Rammstedt wurde zum Bewerb von Ursula März vorgeschlagen.

 

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Tilman Rammstedt

Der Kaiser von China (Romanauszug)

 

Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine letzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseite gelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseite gelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Mahnungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unterm Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter befand.

Seit fünfzehn Tagen spielte sich fast alles unterm Schreibtisch ab. Auf allen Vieren kroch ich herum und bewegte mich nur noch in den von außen nicht einsehbaren Bereichen des Zimmers, die Knie mit Spülschwämmen gepolstert. Ich schlief unterm Schreibtisch, ich schmierte mir dort Brote, ich zeichnete einen Sternenhimmel auf die Unterseite der Tischplatte und wartete darauf, dass die drei Wochen vorbei waren, dass ich wieder glaubhaft aus China zurück sein konnte, um das, was es zu erklären gab, irgendwie zu erklären, eine Erklärung für meinen Großvater, eine für Franziska, eine für meine Geschwister, wenn sie mich bis dahin nicht entdeckt hatten. Sechs Tage blieben mir noch, um mir etwas einfallen zu lassen, für Postkarten war da keine Zeit, die konnten so lange warten, und auch mein Großvater, so glaubte ich zu wissen, konnte so lange warten, und dann kam der Anruf, und das mit dem Warten hatte sich erübrigt.

Selbstverständlich war ich nicht ans Telefon gegangen, seit fünfzehn Tagen schon war ich nicht mehr ans Telefon gegangen, auf dem Anrufbeantworter hörte ich eine Frau, die mich um einen Rückruf bat, „Es geht um Ihren Großvater", sagte sie, und auch wenn sie noch hinzufügte: „Es ist dringend", ahnte ich schon, dass das nicht stimmte, dass ich es mit dem Undringlichsten der Welt zu tun hatte, ich rief zurück, und aus meinem Großvater wurde ein toter Großvater, und aus seiner Postkarte wurde seine letzte Postkarte, und aus mir etwas sehr Verwirrtes und sehr Einsilbiges. „Ja", sagte ich zu der Frau am Telefon, und „Nein" sagte ich und „Gut", obwohl nichts gut war, weil ich nun zwar ein Problem weniger hatte, dafür aber etliche neue, und ich legte auf, nahm die letzte Postkarte aus dem Stapel und glaubte zu wissen, dass ich traurig war.

 

Auf der Vorderseite der Postkarte war die Statue eines dicken Mannes zu sehen, der in einer goldenen Blüte auf einem Elefanten sitzt, die Rückseite war übersät mit den winzigen knorrigen Buchstaben meines Großvaters, die zu Entziffern ich schon immer mühsam fand, die nun aber, wie ich feststellte, zu vollkommener Unlesbarkeit verkommen waren, selbst mit einer Lupe konnte ich keine wiederkehrenden Strukturen ausmachen, noch nicht einmal die Vokale eingrenzen. Bevor ich aufgab, hatte ich ein „Ich" entdeckt, ein „Berg" und ein „Morgen" oder „Mögen" oder „Magen", aber ganz sicher war ich mir da nicht.

Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

Nur der letzte Satz war deutlich geschrieben, größer als der Rest und genau wie die Adresse in Druckbuchstaben, so tief in die Karte gekerbt, dass sie sich auf der Rückseite spiegelverkehrt in den Elefanten drückten. „Du hättest mitkommen sollen", stand da, und dahinter hatte mein Großvater noch ein keilförmiges Ausrufezeichen gesetzt, das mich endgültig davon überzeugen sollte, dass es sich um keine nette Floskel handelte, um keinen Ausdruck des zugeneigten Bedauerns, sondern um eine handfeste Enttäuschung, um einen Vorwurf, um eine Drohung, und weil es nun seine letzte Karte war, drohte es besonders, als ob er nicht gestorben wäre, wenn ich mitgekommen wäre, als ob er dann nicht in diesem gottverlassenen Kaff, von dem ich nicht einmal genau wusste, wo es lag, auf einmal zusammengebrochen wäre, sondern wenigstens in China, oder am besten gar nicht, er hätte sich, wenn ich mitgekommen wäre, nur kurz an mir festhalten müssen, „Nichts, mir ist nur etwas schwindelig", hätte er gesagt, und ich hätte ihn zu einer Parkbank gebracht, ihm eine Flache Wasser gekauft, weil mir nichts anderes eingefallen wäre, weil auch nichts anderes nötig gewesen wäre, „Geht schon wieder", hätte mein Großvater nach ein paar Minuten gesagt und seinen Kamm rausgeholt, die Frisur wäre sein größtes Problem gewesen.

„Du hättest mitkommen sollen", mich ärgerte dieser Satz, ich hörte, wie er ihn aussprach, wie er das „hättest" betonte, wie sich seine Augenbrauen nach unten wölbten, wie er mich danach anblickte, als ob er eine Antwort erwarte, die richtige Antwort natürlich: Ja, stimmt, Großvater, ich hätte mitkommen sollen, das war ein Fehler, du hast mal wieder Recht gehabt. Mein Großvater hatte gern Recht, mein Großvater hatte angeblich alles immer schon vorher gewusst, du hättest einen Schirm mitnehmen sollen, du hättest auf den Stadtplan schauen sollen, du hättest mehr Fremdsprachen lernen sollen, du hättest den Pullover separat waschen sollen, du hättest das Steak bestellen sollen. Mein Großvater war stets beleidigt, wenn man nicht auf ihn gehört hatte, dabei konnte man nie auf ihn hören, weil er einem immer erst im Nachhinein mitteilte, was man alles hätte anders machen sollen, aber ihn habe ja keiner gefragt, und schau, jetzt bist du nass, und schau, jetzt haben wir uns verfahren, und schau, jetzt bin ich tot.

Ja, ich hätte mitkommen sollen, und nein, ich war nicht mitgekommen, nicht nach China und schon gar nicht in gottverlassene Käffer auf dem Weg dorthin, und ich wusste, es sah so aus, als hätte ich ihn im Stich gelassen, ich wusste, dass ich auch ihm irgendeine Erklärung schuldete, aber nun war das nicht mehr nötig, und ich wusste beim besten Willen nicht, ob es angemessen war, darüber erleichtert zu sein.

 

Dass auch die letzte Postkarte nicht aus China kam, war leicht zu erkennen. Sie war mit einer deutschen Briefmarke frankiert, und das Bild des dicken goldenen Mannes war aus irgendeinem Reiseprospekt herausgerissen und notdürftig über eine Gratispostkarte geklebt worden, eine Ecke hatte sich bereits gelöst, ein Eisbär kam darunter zum Vorschein. Fast alle Karten, die mir mein Großvater in den letzten Wochen geschrieben hatte, waren derart überklebt, manchmal nicht einmal das, auf einigen zeigte sich Fachwerk und beim aufgedruckten „Viele Grüße aus dem Westerwald" war das „dem Westerwald" durchgestrichen und handschriftlich durch ein „Schanghai" ersetzt worden. Natürlich überraschte es mich wenig, dass mein Großvater China schließlich doch nicht erreicht hatte, 8000 Kilometer, dafür war das Auto einfach zu alt, dafür war auch mein Großvater einfach zu alt, und ich versuchte, davon überzeugt zu sein, dass er es ohnehin nie wirklich vorgehabt hatte, dass er sich das nur nicht hatte eingestehen wollen, dass er nur bis zum Schluss jemanden gebraucht hatte, dem er es beweisen musste. Wenn man es so betrachtete, musste er mir sogar dankbar sein.

 

China, ausgerechnet China, als ob es die Nordsee nicht gäbe, als ob es den Harz nicht gäbe, nicht Rügen, nicht Frankreich, keinen Gardasee, es musste China sein, China und nichts anderes. „Ich will darüber nicht diskutieren", hat mein Großvater gesagt, und ich habe gesagt, das treffe sich gut, weil ich darüber nämlich auch nicht diskutieren wolle, China komme nicht in Frage, und ich habe die Arme verschränkt, und mein Großvater auch, obwohl er nur noch einen Arm hatte, den rechten, doch den konnte er so geschickt um seinen linken Hemdsärmel wickeln, dass es so aussah, als handelte es sich um zwei intakt verschränkte Arme, und dann haben wir uns lange angeschaut, mein Großvater möglichst entschlossen und ich möglichst spöttisch, um ihm zu zeigen, was für eine ganz und gar lächerliche Idee China doch war, und dann sagte mein Großvater: „Ich sterbe."

 

Man darf so einen Satz nicht überbewerten, auch im Nachhinein nicht, auch nicht jetzt, da mein Großvater schon wieder Recht behalten hat. „Du stirbst nicht", sagte ich deshalb, obwohl das natürlich in jedem Fall eine Lüge gewesen wäre, doch ich wollte es als Argument einfach nicht zulassen, ich wollte nicht zu demjenigen gemacht werden, der letzte Wünsche ausschlägt, ich wollte sachlich bleiben, weil ich sachlich natürlich im Recht war und China völlig unmöglich, aber gegenüber Sterbenden zählt Rechthaben wenig, das wusste mein Großvater und hatte deshalb auch sicherheitshalber schon früh mit dem Sterben begonnen. Mein Großvater starb nämlich schon, so lange ich ihn kenne, wahrscheinlich sogar länger, und erst kurz vor seinem Tod hat er damit aufgehört. In meinen frühesten Erinnerungen an ihn schaut er mich aber schon ernst an und sagt: „Bald werde ich nicht mehr da sein", und zeigt dann auf alle möglichen Dinge, die ich nach seinem Ableben erben sollte, das Ölbild mit den zwei galoppierenden Pferden, den dolchartigen Brieföffner, den Dreh-Aschenbecher, all das, was man damals bewunderte. Jahre später fand ich heraus, dass er die selben Gegenstände auch meinen Geschwistern versprochen hatte, mit dem gleichen verschwörerischen Zwinkern, mit dem gleichen: „Das bleibt aber unser kleines Geheimnis." Ich habe ihn dazu nie zur Rede gestellt, denn zum einen hatten Bild und Brieföffner da längst ihren Reiz verloren, zum anderen war es bereits zur Gewohnheit geworden, auf die Todesankündigungen meines Großvaters nur noch mit einem Nicken zu antworten. Keiner in der Familie widersprach ihm mehr, keiner sagte: „Du wirst bestimmt hundert Jahre alt", weil es immer wahrscheinlicher schien, dass er tatsächlich hundert Jahre alt werden würde. Bei jedem Arztbesuch, dem stets lange Verabschiedungsrituale vorausgingen, wurde die schon fast unheimliche Konstitution meines Großvaters neu bestätigt. Bis vor drei Jahren hatte er noch alle eigenen Zähne, bis vor zwei Jahren brauchte er nur zum Lesen eine Brille, und selbst dabei ließ er sie aus Eitelkeit meist weg, trotz zunächst zahlloser Zigaretten und dann zahlloser Nikotinkaugummis versahen Lunge und Herz noch vorbildlich ihren Dienst, und es hätte wohl keinen überrascht, wenn ihm irgendwann der linke Arm wieder nachgewachsen wäre.

Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

Doch irgendwann fiel seinem Körper schließlich doch noch auf, dass dieser Zustand längst nicht mehr seinem Alter entsprach, und er holte innerhalb weniger Monate nach, was er zuvor versäumt hatte. Muskeln erschlafften, Arterien verstopften, Gelenke schwollen an, Ohren wuchsen. Von jedem Arztbesuch hatte mein Großvater seitdem ein neues Medikament mitgebracht; lag früher bei den Mahlzeiten mitunter eine halbe Tablette neben seinem Glas, so erstreckte sich die Reihe nun nach und nach über die ganze Breite seines Tellers, „Ach ja, mein Nachtisch", sagte er, bevor er sie einzeln mit immer zittrigeren Fingern von der Tischdecke auflas und, den Mund angewidert verzogen, hinunterschluckte. Mein Großvater achtete immer genau darauf, dass wir anderen auch ja zuschauten, dass wir genau mitbekamen, was er da auf sich nahm. Vermutlich mit Absicht ließ er manchmal eine Kapsel fallen, „Lass nur", sagte er, wenn jemand von uns sie unter dem Tisch suchen ging, machte aber selbst keine Anstalten, sich zu bücken, und nahm die wiedergefundene Tablette ohne ein Wort des Dankes entgegen.

 

Und im Grunde war es ja sogar die schwindende Gesundheit meines Großvaters, die den Anlass gab, ihm eine Reise zu schenken. „Wer weiß, wie lange er überhaupt noch reisen kann", hatte mein ältester Bruder gesagt, und uns anderen war nichts besseres eingefallen, eine Woche über Pfingsten, man könnte ein paar Urlaubstage nehmen, gemeinsam würde man das irgendwie durchstehen, aber dann sprang erst meine ältere Schwester ab, irgendwas mit ihrem kleinen Sohn, und dann mein zweitältester Bruder, irgendwas mit einer dringenden Abgabe, und weil es nun ohnehin keine komplette Enkelreise werden würde, schlug meine jüngere Schwester vor zu losen, „Wir müssen uns ja nicht alle die Feiertage versauen", sagte sie, und mein Streichholz war das kürzeste, daran bestand keinen Zweifel, und die anderen beiden gaben sich noch nicht einmal die Mühe, ihre Erleichterung zu unterdrücken, meine jüngere Schwester ballte sogar kurz die Faust, und mein ältester Bruder schlug mir etwas zu fest auf den Rücken, „Kopf hoch", sagte er, und er wollte es wohl aufmunternd sagen, aber es klang eher wie ein Befehl. Ob sie das für so eine gute Idee hielten, dass nun ausgerechnet ich mit unserem Großvater wegfahren sollte, fragte ich, doch die anderen winkten ab, „Vielleicht ist es sogar am besten so", befanden sie einhellig, „dann habt ihr endlich mal wieder Zeit für einander", obwohl es genau das war, wovor ich mich fürchtete.

 

Es war unmöglich auszumachen, ob sich mein Großvater über unser Geschenk freute. Er hatte den Gutschein ausdruckslos studiert und dann seinen Kuchen weiter gegessen. „Keith unternimmt mit dir eine Reise", erklärte mein zweitältester Bruder, wieder etwas zu laut und etwas zu fröhlich, wie er in letzter Zeit immer mit unserem Großvater sprach. „Wir wären ja gern alle mitgefahren, aber du weißt ja", und mein Großvater wusste natürlich nicht, wie sollte er auch, er fuhr sich mit der Zunge unablässig die Zähne entlang und schaute meinen zweitältesten Bruder dabei verständnislos an. „Eine Reise wohin?", fragte er schließlich. „Wohin du schon immer mal wolltest", sagte meine jüngere Schwester, und sie hätte es besser nicht gesagt. Denn am nächsten Morgen, noch im Schlafanzug, sagte mein Großvater: „China", und am Mittag sagte er es auch, und am Abend schon wieder, und als ich ihm Prospekte zeigte, Prag, Masuren, Korfu, schaute er gar nicht hin, „China", sagte er, „Geschenkt ist geschenkt", sagte er, und dass er darüber nicht diskutieren wolle, und dann wurde ein Arm verschränkt und das Sterben ins Spiel gebracht.

 Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

„Und selbst wenn du sterben würdest", hatte ich gesagt, „wäre das ein Grund mehr, nicht nach China zu fahren. China ist weit, China ist anstrengend, in China versteht dich kein Arzt", und mein Großvater hatte gelächelt, eines dieser traurigen Lächeln war es, die ihm keiner so schnell nachmachte, und er sagte leise, dass er es dann vorziehen würde, gar nicht wegzufahren, er wünsche mir viel Spaß auf Korfu, und tat, als ob er sich wieder in sein Buch vertiefen würde, und ich blieb noch länger vor ihm stehen, als ich wollte, sah ihm zu, wie er den Zeigefinger vor dem unglaubwürdig häufigen Umblättern immer wieder zur Zunge führte, „Wie du willst", sagte ich, um dann schleunigst den Raum zu verlassen, das Haus zu verlassen und mich, soweit es eben ging, zu entfernen.

 

„Und, wohin fahrt ihr?", fragte mich Franziska, nachdem ich sie überredet hatte, am Abend doch noch vorbeizukommen.

„Jedenfalls nicht nach China", sagte ich.

„Da bleibt ja noch einiges übrig", sagte sie und blieb nicht über Nacht.

Franziska blieb schon seit sechs Wochen nicht mehr über Nacht. „Ich muss los", sagte sie immer viel zu früh, schaute auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu überprüfen, und suchte in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel. „Fahr vorsichtig", sagte ich dann zur Verabschiedung, ohne es zu wollen, und sie lächelte nur müde, und ich schloss die Haustür immer leise, und erst nachdem das Motorengeräusch längst nicht mehr zu hören war.

 

Mein Großvater war natürlich noch nie in China gewesen, fast nirgendwo war er schon gewesen, wie sich herausstellte, er hatte den europäischen Kontinent niemals verlassen, Deutschland niemals verlassen, war nur einmal der dänischen Grenze recht nahe gekommen und einmal, wohlwollend betrachtet, der holländischen.

„Und warum jetzt ausgerechnet gleich China?", fragte ich ihn am nächsten Tag am Telefon. Seit acht Uhr hatte er mich fast pausenlos angerufen, dass ich meinen Pass verlängern müsse, dass ich festes Schuhwerk brauche, ob ich gegen Malaria geimpft sei. „Mein Gott, du warst doch noch nicht einmal in Österreich", rief ich, und mein Großvater sagte nichts, sagte lange nichts, so lange bis ich fragte: „Bist du noch da?"

„Ja", sagte er. „Ich will nicht nach Österreich", sagte er. „Ich habe keine Zeit mehr für Österreich", sagte er, und jetzt war ich es, der schwieg, denn ja, bei genauerer Betrachtung wollte auch ich nicht nach Österreich, jedenfalls nicht mit meinem Großvater, bei genauerer Betrachtung wollte ich nirgendwo hin mit ihm, auf keinen Berg, an keinen Strand, in keine Wüste, kein Museum, kein Thermalbad, ich wollte nicht mit ihm unnötig lang in zweisprachigen Speisekarten blättern, auf keinen Aussichtspunkten mit ihm schweigen, nicht abends beim Wein lächerlich früh behaupten, dass man vom vielen Laufen ganz erschöpft sei, um ja keine Gelegenheit zuzulassen, in der man endlich einmal wieder Zeit füreinander hat, und vielleicht war China bei genauerer Betrachtung der einzig vernünftige Vorschlag, weil einem dort höchstwahrscheinlich selbst zweisprachige Speisekarten wenig halfen, weil man dort abends beim Reiswein höchstwahrscheinlich tatsächlich erschöpft war, weil es dort nicht schlimm wäre, sich nicht zu verstehen, weil man auch alles andere nicht verstand, und höchstwahrscheinlich gäbe es dort von allem viel zu viel, nur keine Zeit füreinander, und am Ende wüsste man bestenfalls gar nicht mehr, wofür man die auch hätte gebrauchen können, alles Unausgesprochene zwischen uns hätte sich mit China gefüllt, und mir fiel auf einmal wieder ein, wie ich als Kind ein paar Tage lang geglaubt hatte, dass mein Großvater ein Chinese wäre.

Er muss sich mal wieder mit einer meiner Großmütter gestritten haben, der zweiten oder dritten, es war jedenfalls sehr laut, und irgendwann rief er: „Und ich bin der Kaiser von China." Sein Amt beeindruckte mich damals weniger als seine Herkunft, und ich erzählte es überall herum, nicht alle glaubten mir. Warum ich dann nicht aussähe, wie ein Chinese, wurde ich gefragt, und ich sagte: „Das kommt noch", obwohl ich keine Ahnung hatte, wie Chinesen eigentlich aussahen. Alle gleich, wurde behauptet, und ich stellte mir dann ein Land vor, in dem es von meinem Großvater nur so wimmelte, in dem in jedem Auto mein Großvater saß, in dem morgens aus jedem chinesischen Haus mein Großvater trat, sich von meinem Großvater verabschiedete und seine Kinder, fünf sehr kleine Großväter, zur Schule brachte. Ein paar Tage später kam die Wahrheit dann ans Licht. „Du bist kein Chinese", sagte ich zu meinem Großvater. „Wie du meinst", sagte er.

Damals gefiel mir die Vorstellung von einem Land voller Großväter noch, doch am Telefon erschien sie mir schrecklich, ein einziger reichte mir, ein einziger, war mir eigentlich schon zu viel, und darum ging es, und nicht um China oder Korfu oder Österreich.

„Bist du noch da?", fragte jetzt er, und ich sagte: „Ja, noch bin ich da", dann legte ich auf.

Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

Ich bin mir nicht sicher, mit wie vielen meiner Geschwister ich tatsächlich verwandt bin. Es ist aber davon auszugehen, dass ich mit den meisten von ihnen zumindest ein Elternteil gemeinsam habe. Recht genau kann ich mich an die Geburt meiner jüngeren Schwester erinnern, ich war damals fünf, und wir besuchten alle gemeinsam meine Mutter im Krankenhaus. „Da seid ihr ja", rief sie mit noch etwas schwacher Stimme, doch später wurde deutlich, dass sie beim Namen meines zweitältesten Bruders lange überlegen musste, und auch meine ältere Schwester betrachtete sie immer so zaghaft, als sei sie sich nicht ganz sicher, dieses Mädchen schon einmal gesehen zu haben.

Ich kann also nur unterstellen, dass es sich bei dieser Frau im Krankenhaus um meine leibliche Mutter handelte, und außer diesem Leiblichen damals hatten wir nicht viel miteinander zu tun. Schon seit frühester Kindheit wohnte ich bei meinem Großvater, dem ich natürlich auch nur unterstellen kann, dass er mein leiblicher Großvater ist. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und meiner Mutter, das Kinn, die kurzen Finger, das muss genügen, allen anderen Fragen wich er stets aus. Als ich einmal ein Foto bei ihm fand, das ihn als jungen Mann mit einem Mädchen auf den Schultern zeigt, fragte ich ihn, ob das meine Mutter sei. Er nahm das Foto, betrachtete es kurz mit zusammengekniffenen Augen, dann gab er es mir zurück und sagte: „Wahrscheinlich."

 

Mein Großvater hielt vieles für wahrscheinlich, dass noch Milch da war, dass bald Sommerferien seien, dass in Australien das Wasser verkehrt herum abfließt, ganz sicher könne man sich aber bei gar nichts sein, belehrte er uns gern, und wenn einer von uns altklug widersprach: „Außer, dass man stirbt", sagte mein Großvater: „Das ist in der Tat sehr wahrscheinlich."

Aber eine kleine Restchance schien er selbst dabei zu wittern, und in den letzten Jahren, seitdem sein Körper den angemessenen Verfall aufholte, klammerte er sich an diese Restchance mit einer Ausdauer, die man bei ihm sonst nicht vermuten konnte. Sein Ehrgeiz, nicht zu sterben, wurde nach und nach zu einer ausgewachsenen Obsession. Mehrmals im Monat musste man mit ihm zum Friedhof, wo er dann Grab um Grab abschritt und triumphierend „Jünger", „Viel jünger", „Fast gleich alt" rief, und wenn es doch jemand gewagt hatte, erst in gesetztem Alter zu sterben, notierte er sich die genauen Daten, die er dann in die Liste über seinem Schreibtisch übertrug. 72 Jahre 112 Tage, 79 Jahre 6 Tage, 83 Jahre 299 Tage, und jedes Mal, wenn er wieder einen von der Liste überholt hatte, wenn er wieder einen Namen durchstreichen konnte, rief er uns zusammen. „Glückwunsch, Großvater", sagten wir dann im Chor, und er winkte ab: „Danke, aber noch ist nichts erreicht."

Sein später Wunsch, alle zu überleben, nahm nach und nach beängstigende Formen an. Der Tod war nicht nur sein Gegner, sondern wurde auch immer mehr zu seinem Gehilfen, genüsslich las er beim Frühstück die Todesanzeigen vor, jedem vorbeifahrenden Krankenwagen schaute er hoffnungsvoll nach, er entwickelte eine verdächtige Vorliebe für Katastrophenfilme, und erst in letzter Sekunde konnten wir eines Nachmittags verhindern, dass er die Schildkröte meiner jüngeren Schwester beerdigte, „Sie war klinisch tot, ehrlich", behauptete er, auch wenn sie in der kaum knöcheltiefen Grube sichtlich mit den Beinen zappelte.

Es gab Momente in den letzten Jahren, in denen wir uns ernsthaft Gedanken um unsere Sicherheit machten. Wenn einer von uns nur hustete, horchte mein Großvater sofort auf, „Das klingt aber gar nicht gut", und es war nicht Sorge, was da in seiner Stimme mitschwang. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das alles nur einbildete, aber die Vorfälle häuften sich. Meinem ältesten Bruder schenkte er ständig Wein nach, auch wenn dieser mehrfach betont hatte, noch fahren zu müssen, meine ältere Schwester berichtete von auffallenden Kratzspuren am Kabel ihres Föhns, und als ich vor einigen Monaten nach dem Einkauf einen Kasten Wasser in den Keller trug, schaltete mein Großvater, während ich mich noch mitten auf der steilen Treppe befand, das Licht aus. „Entschuldigung", sagte er, als ich mich umgehend beschwerte, schaltete das Licht aber dennoch nicht wieder an.

Ungefähr zu dieser Zeit, fing mein Großvater auch an, meine Geschwister und mich zu bezichtigen, ihm nach dem Leben zu trachten. Andauernd stimmte anscheinend etwas mit seiner Medikation nicht, andauernd wurde ihm angeblich Butter in sein Essen gemischt, obwohl er doch auf sein Cholesterin zu achten hatte, andauernd wurden angeblich ständig von irgendwem Fenster geöffnet, damit er sich den Tod hole. „Aber nicht mit mir, meine Lieben", sagte er dann. „Mit mir nicht."

Natürlich wusste mein Großvater, dass er sehr wahrscheinlich nicht unsterblich war und es trotz aller Bemühungen und Vorsichtsmaßnahmen auch niemals werden würde. Ich vermute, dass er beharrlich hoffte, vom Tod vergessen zu werden, sobald er ein bestimmtes Alter überschritten hätte. So wie man hofft, von der Telefongesellschaft vergessen zu werden, nachdem man alle Mahnungen ignoriert hat, und der Anschluss einfach immer weiter funktioniert, weil niemand mehr weiß, dass man ihn überhaupt noch hat.

 Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

Und in der Tat ist es schwer vorstellbar, dass er nun tatsächlich tot ist, dass er sein Leben vollständig zu Ende gebracht hat, weil er sonst nie etwas zu Ende brachte. Früher, als es noch Großmütter gab, manche im passenden Alter, manche nur wenige Jahre älter als wir, hatten sie ihn, eine nach der anderen in fast identischen Worten, immer wieder dazu aufgefordert, doch in aller Herrgottsnamen endlich einmal etwas fertig zu machen, die Steuererklärung, die seit Jahren unbeabsichtigt zweifarbige Pergola, das Puzzle auf dem Wohnzimmertisch, das uns schon gar nicht mehr auffiel.

Mein Großvater nickte darauf stets einsichtig, sortierte ein paar Quittungen oder legte einen Puzzlestein an, dann suchte er sich schnell eine neue Aufgabe, die verkalkte Kaffeemaschine, das verhedderte Telefonkabel, Glückwunschkarten für noch längst nicht nahende Geburtstage, irgendetwas, von dem er behaupten konnte, dass es nun wirklich dringender sei.

Und weil mein Großvater natürlich auch diese neuen Tätigkeiten nicht zu Ende führte und sich als Ausrede dafür noch neuere suchen musste, bestand das ganze Haus, das ganze Leben meines Großvaters aus Anfängen, überall stieß man auf aufgeschlagene Bücher, auf angebissene Brötchen, einzelne Schuhe, hörte Geschichten, die mitten im Satz, sogar mitten im Wort abbrachen, immer noch standen die Namen fast aller vergangenen Großmütter auf unserem Briefkasten, und manchmal, wenn er gesagt hatte, dass er jetzt schlafen gehen werde, traf man ihn eine halbe Stunde später mitten im Flur stehend an, „Ich bin auf dem Weg", sagte er dann schnell.

 

Dass es schlicht und ergreifend wahnwitzig sei, mit dem Auto nach China fahren zu wollen, hatte ich ihm gesagt, doch mein Großvater wollte davon nichts hören, er sei nicht achtzig Jahre alt geworden, um jetzt mit einer nutzlosen Schwimmweste am Leib irgendwo in Sibirien zu zerschellen. Das Automobil, behauptete er, sei nun einmal erwiesenermaßen das sicherste aller Verkehrsmittel, und so weit werde die Strecke schließlich nicht sein. „8000 Kilometer", sagte ich, „Luftlinie." „Na siehst du", sagte mein Großvater, und man widersprach ihm von da an besser nicht mehr.

Immer panischer flackerten in den letzten Jahren seine Augen, wenn er ahnte, womöglich doch im Unrecht zu sein, und immer schneller bekam sein Blick dann so etwas Kaltes und Starres, dass sich keiner von uns traute, ihn direkt anzusehen. Nie ist er wirklich gewalttätig geworden, nur selten ging Geschirr zu Bruch, wohl um Schlimmeres zu vermeiden, schlang er seinen linken Arm gleich mehrfach um den rechten Ärmel, und wir verließen so schnell es ging das Zimmer.

Meist waren „Großvaters Launen", wie wir sie beschwichtigend nannten, gefolgt von langen Phasen des Schweigens, des Starrens, der Bewegungslosigkeit. Zusammengesunken saß er im Sessel und antwortete auf unsere vorsichtigen Fragen, wenn überhaupt, mit einem „Hm", das man nur an der Tonhöhe als Ablehnung oder Zustimmung interpretieren konnte. Den gemeinsamen Mahlzeiten blieb er fern in diesen Tagen, und was als Reue ausgegeben wurde, sollte wohl in erster Linie unser Mitleid erregen. „Du musst doch mal was essen", sagten wir dann auch bereitwillig und taten besorgt, obwohl es ausreichend Anzeichen dafür gab, dass er sich, sobald wir außer Sichtweite waren, Brote schmierte oder sich unserer Reste annahm.

Mein Großvater selbst kochte nie, sagte aber, wenn Besuch da war und das Essen lobte, immer schnell als erster „Danke", womit er, wenn man ihn später zur Rede stellte, angeblich für uns alle sprechen wollte. Sonst war mein Großvater aber im Beisein anderer Menschen wie verwandelt; er redete zwar immer noch viel, aber leiser als sonst, und meist hatte es dann auch mit dem gerade behandelten Thema zu tun, er stellte Fragen und wartete die Antworten ab, er lachte aufrichtig, auch über die Witze anderer, er erkundigte sich nicht scheinheilig, ob man „das etwa nicht mehr esse", um dann mit der Gabel über den Tisch zu langen und sich von unseren Tellern zu bedienen. Man musste ihn sogar wohl oder übel charmant finden, zumindest, wenn es sich bei den Gästen um junge Frauen handelte, und besonders bei jungen Frauen, die ich eingeladen hatte.

Was mein Großvater doch für ein reizender Mann sei, musste ich mir oft genug anhören, wie unterhaltsam er doch sei, musste ich mir anhören, jung geblieben, aufmerksam und Gentleman musste ich mir anhören, mitunter sogar sexy. Wenn diese jungen Frauen wiederkamen, dann roch es schon nachmittags nach Großvaters Eau de Cologne, dann wechselte er oft noch mehrfach das Hemd, dann hatte er manchmal sogar kleine Aufmerksamkeiten für sie besorgt, ein Stein, ein Buch, womöglich eine Brosche.

Je öfter die jungen Frauen zu Besuch waren, desto weniger Gelegenheiten ließ mein Großvater aus, mich vor ihnen lächerlich zu machen, das fing mit harmlosen Kindergeschichten an, zog sich weiter über unvorteilhafte Fotos, bis hin zu absonderlichen Lügengeschichten, dass ich noch immer hin und wieder ins Bett machen würde zum Beispiel, oder dass ich als Kind auffallend häufig die Kleider meiner älteren Schwester getragen hätte. Es konnte passieren, dass bei romantisch geplanten Verabredungen im Kino oder Café auf einmal mein Großvater neben uns saß, scheinbar zufällig war er dazu gestoßen, was sich nur dadurch erklären ließ, dass er meine Telefonate belauscht hatte oder mir heimlich gefolgt war. Immer ausgeklügelter mussten meine Ablenkungsmanöver werden, immer unverständlicher flüsterte ich ins Telefon, immer hektischer blickte ich mich bei den romantischen Treffen um, sodass sie häufig die letzten Treffen waren.

Kein Wunder, dass ich irgendwann aufhörte, überhaupt noch junge Frauen mit nach Hause zu bringen, dass ich auch jede nähere Bekanntschaft mit ihnen verheimlichte, was aber nur dazu führte, dass mein Großvater glaubte, ich leide an Vereinsamung und andauernd etwas mit mir unternehmen wollte. „Heute gehen wir aus, nur du und ich, wie früher", beschloss er, und ich sollte eine Kneipe bestimmen, eine „Szene-Kneipe", wie er spezifizierte, und aus Trotz führte ich ihn dann immer in „Pete's Metal-Eck", wo er sichtlich eingeschüchtert ein halbes Bier aus der Flasche trank und nach jedem Schluck lange das Etikett betrachtete. „Ich bin müde", schrie ich dann irgendwann aus Mitleid gegen die Musik an, und er nickte erleichtert.

Auf dem Heimweg war er dann aber sehr beschwingt. Wie schön so ein Abend nur mit uns beiden sei, sagte er dann, „Ja, Großvater", dass man da endlich mal zum Reden komme, „Wie man's nimmt, Großvater", dass ich doch mal wieder eins meiner Mädchen mit nach Hause bringen solle, „Da gibt es gerade kein Mädchen, Großvater", dass ich ihn auch in solchen Dingen immer um Rat fragen könne, „Danke, Großvater", dass er glaube, wir hätten, was Frauen angeht, in etwa den gleichen Geschmack, „Das ist gut möglich, Großvater". Wie gut das möglich war, konnten wir damals noch nicht ahnen. Franziska wurde erst drei Jahre später meine Großmutter, erst viereinhalb Jahre später wurde sie meine Frau, und dass sie nun vor sechs Wochen zu jemandem wurde, der immer viel zu früh los muss, habe ich meinem Großvater nie gesagt, denn seine Genugtuung hätte er dann vielleicht verbergen können, seine Anteilnahme aber wahrscheinlich nicht.

 

Selbst der Stempel der letzten Postkarte meines Großvaters war unleserlich. Ein Briefzentrum, das mir ohnehin nichts sagen würde, ein Datum, der 18. oder 19., aber auch darauf kam es nicht mehr an, zweifellos hatte er zu diesem Zeitpunkt noch gelebt und zweifellos lebte er jetzt nicht mehr, und fast ebenso zweifellos hatte er das nicht wissen können, nichts sprach also dafür, dass auf der Karte Entscheidenderes mitgeteilt wurde als auf den zahllosen anderen. Andauernd diese Postkarten. Auch schon früher, als ich noch im Haus wohnte, unfrankiert warf er sie in unseren Briefkasten, um sie dann mit einem triumphierenden „Post für dich, Keith" zu mir an den Frühstückstisch zu bringen. Nach meinem Auszug ins Gartenhaus nahm ihre Zahl noch zu, mitunter mehrfach die Woche erwarteten sie mich, nun ordnungsgemäß per Post verschickt, obwohl es natürlich viel einfacher gewesen wäre, sie schnell selbst bei mir einzuwerfen, aber stillschweigend hatten wir vereinbart, die paar Meter Luftlinie zwischen uns als ernstzunehmende Distanz zu betrachten.

Es waren aber nicht nur die Karten, die mir bei meinen Geschwistern den zweifelhaften Ruf des „Goldjungen" einbrachten. Als „Großvaters Liebling" beschimpften sie mich, als „Stammhalter" und „Augenstern". Mir selbst war die jahrelange Bevorzugung meist unangenehm gewesen. Zuvor hatte bei uns eine Art doktrinärer Gerechtigkeit geherrscht, deren Einhaltung so viele Tabellen, so viele Ausgleichszahlungen, so viele Maßbänder und Waagen und Stoppuhren erforderte, dass unklar bleibt, ob uns mein Großvater schließlich aus Resignation oder tatsächlichem Umdenken zu einer der damals noch regelmäßig abgehaltenen „Familiensitzungen" zusammenrief, bei der uns erklärte, seine Energie reiche leider nicht aus, sich uns allen gleichmäßig zu widmen, weshalb er beschlossen habe, sich vornehmlich um mich kümmern, um am Ende nicht mit lauter Mittelmaß dazustehen. „Das heißt aber nicht, dass ich euch nicht alle gleich lieb habe", betonte er, und wir mussten schwören, ihm zu glauben.

Jedes Wochenende nahm er mich von da an mit auf einen kleinen Ausflug, in den Zoo, ins naturwissenschaftliche Museum, in endlos scheinende Klavierkonzerte, und erzählte dann beim Abendessen ausführlich von unseren Erlebnissen, während ich stumm, die Blicke meiner Geschwister sorgfältig meidend, auf meinen Teller starrte.

Später dann die Spaziergänge, „Du bist etwas ganz Besonderes", „Aus dir wird mal was", „Du wirst mich nicht enttäuschen, Keith, das weiß ich einfach". Als ich mit acht Astronaut werden wollte, schenkte er mir ein Teleskop, als ich mit zehn Geheimagent werden wollte, ließ er mich mehrere Kampfsportarten lernen und baute zusammen mit mir in die Zimmer meiner Geschwister versteckte Abhöranlagen ein, als ich mit dreizehn dann Filmstar werden wollte, schleppte er mich von Casting zu Casting, in einer längst eingestellten Fernsehserie renne ich mit anderen Kindern eine Straße entlang, das war mein einziger Auftritt. „Du rennst am besten, keine Frage", sagte mein Großvater, aber da war mir das schon nicht mehr so wichtig.

Ab meinem vierzehnten Lebensjahr wollte ich dann gar nichts mehr werden, und mein Großvater suchte meine Passionen für mich aus. Architektur, Pyrotechnik, „irgendetwas mit Computern", die ungelesenen Bücher dazu füllen noch immer ganze Regalmeter. „Du bist vielseitig interessiert", beschloss mein Großvater, und ich widersprach ihm nicht.

Von all diesen Sonderbehandlungen blieben aber die Postkarten am unangenehmsten, besonders in den letzten Jahren, als mein Großvater guten Grund hatte, mir keine mehr zu schicken, als wir fast nur noch im Vorbeigehen und vernuschelt miteinander sprachen, als immer häufiger am anderen Ende aufgelegt wurde, wenn Franziska das Telefon abnahm.

Tilman Rammsted (Foto ORF/Johannes Puch)

Manchmal bedankte ich mich bei ihm für die Karten, doch selbst schickte ich nie eine an ihn ab, immer wieder versuchte ich es, immer wieder schrieb ich „Lieber Großvater", manchmal noch „Vielen Dank für Deine Karte", aber dann geriet alles ins Stocken, nichts drängte sich als Folgesatz auf, nichts schien mitteilenswert, und die angefangenen Postkarten stapelten sich in meinen Schubladen, viele schon fertig adressiert, manche bereits mit Briefmarken versehen, deren Wert oder Währung mitunter keine Gültigkeit mehr besaßen. Warum ich die Karten nie wegwarf, weiß ich nicht, vielleicht hielt ich es für Verschwendung, sie waren schließlich fast unbenutzt, vielleicht wollte ich mir auch nur mein Scheitern nicht eingestehen, dass es mir in all den Jahren nicht einmal gelungen war, ein paar belanglose Sätze an ihn zu richten, dass ich mir einredete, der Platz auf einer Postkarte reiche einfach nicht aus für das, was ich glaubte, ihm sagen zu wollen, auch wenn ich nicht genau wusste, was das war und welcher Platz dafür wohl angemessen gewesen wäre.

Und jetzt, da aller Platz der Welt wahrscheinlich nicht ausreichen würde, weil neben der Briefmarke nun auch der Adressat keine Gültigkeit mehr besaß, zog ich eine der angefangenen Postkarten aus der Schublade.


Lieber Großvater,

stand da bereits, in viel zu großer Schrift, wohl in der Hoffnung, schon mit der Anrede einen guten Teil des angeblich doch zu knappen Platzes auszufüllen, was wenig geholfen hat, denn noch immer standen gut vier Fünftel der Karte leer. Und auf einmal wollte ich diesen Leerstand nicht mehr dulden, auf einmal erschien er mir mehr als ein Scheitern zu sein, denn vielleicht hatte der Platz immer gereicht, vielleicht war er sogar immer zu groß gewesen, vielleicht gab es tatsächlich nie mehr zu sagen, als „Lieber Großvater", vielleicht wäre auch schon das „Lieber" übertrieben gewesen, und vielleicht hätte ich all die Karten so abschicken sollen, wie sie waren, weil das immerhin den Gegebenheiten entsprochen hätte, aber nun hatte ich es mit anderen Gegebenheiten zu tun, mit abgeschlossenen, mit überblickbaren, und ich nahm einen Stift und schrieb unter die Anrede

du bist tot.

Meine Schrift hatte sich in den Jahren zwischen den zwei Zeilen kaum verändert, damals hatte ich einen schwarzen Stift benutzt, nun einen blauen, mehr Unterschiede waren nicht sichtbar. Ich schrieb noch

Viele Grüße

Dein Enkel

Keith

und noch immer stand mir fast die Hälfte des Platzes zur Verfügung. Lange starrte ich auf die acht neuen Worte, mehr würden es nicht werden. Ich nahm eine Schere, schnitt die Karte knapp unter meinem Namen ab, dann warf ich sie ein.

 

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